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Der Arzt als Unternehmer?

von Florian Weis
Oliver Neumann

Das Gesundheitswesen ist in seinen meisten Aspekten eher schwerfällig und starr. Die fortschreitende Digitalisierung half dabei, ihn im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sorgen ebenfalls dafür, dass Entwicklungen und Innovationen noch schneller von statten gehen. Doch egal, wie sehr sich die Umgebung ändert, in welchem das Gesundheitswesen agiert, wahre Veränderung findet statt, wenn sich das Wertesystem der Beteiligten verändert. Genau dies scheint nun der Fall zu sein. Es herrscht ein großer Veränderungsdruck, da die Erwartungen an das Gesundheitssystem sich maßgeblich verändert haben, von Seiten der Bevölkerung. Nun muss die Ärzteschaft nachziehen, um positive Entscheidungen aus diesem Veränderungsdruck zu ziehen.

Was hat sich konkret verändert?

Beinahe jegliche Form des Wissens steht im Internet zur Verfügung. Natürlich auch medizinisches Wissen, dass der medizinische Laie sich aneignen kann. Dies sorgt dafür, dass Patienten so gut informiert oder desinformiert waren, wie niemals zuvor, weil eben auch sehr viel Halbwahrheiten im Internet verbreitet werden.

Insgesamt kann aber festgehalten werden, dass der Durchschnittspatient sich gut über die eigenen Symptome und eventuellen Krankheitsbilder, sowie verschiedener Therapiemethoden informiert hat. Vor knapp 20 Jahren wäre dies noch gar nicht möglich gewesen oder in viel geringerem Ausmaß. Diese neue Wissensverteilung sorgt dafür, dass sich die Rolle des Patienten im Gespräch mit dem praktizierenden Arzt verändert und gleichzeitig ändert sich damit die Rolle des Arztes, dessen Meinung nun nicht mehr die einzig Gültige darstellt.

Der Arzt als medizinischer Coach

Die Dominanz des praktizierenden Arztes, der als einziger die Richtung der Therapie oder Behandlung vorgibt, lässt zusehends nach. Er darf sich immer mehr als Begleiter und Unterstützer seiner Patienten begreifen. Diese mehr und mehr kooperative Form der Beratung und Begleitung ist getragen von der gemeinsamen Verantwortungsübernahme. Konnten Patienten den Erfolg oder Misserfolg von Behandlungen oder Therapien vor gar nicht allzu langer Zeit einzig und allein dem praktizierenden Arzt zuschreiben, so dürfen heute Patienten mehr und mehr Verantwortung für den Heilungsprozess oder dem Gesundheitserhaltungsprozess übernehmen. Überhaupt rücken Aspekte der ganzheitlichen Prävention mehr und mehr in den Fokus der medizinischen Gespräche. Die wichtigste Frage dabei: Was können Arzt und Patient dazu beitragen, die Gesundheit des Patienten so lange wie möglich aufrecht zu erhalten? Krankheiten sollen dadurch mehr und mehr in den Hintergrund rücken, sodass Behandlungsprozesse erst gar nicht notwendig werden.

Universalismus versus Monokausalität

Ein weiterer Punkt, der immer mehr in den Fokus der medizinischen Beratung und Behandlung vordringt, ist der der ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen. Der Mensch muss als Ganzes betrachtet werden, wenn er sich wohlfühlen und folglich gesund bleiben soll. Auch alternative, also in der Schulmedizin nicht angewandte, Therapieansätze können zur Linderung von Symptomen führen. Immer mehr Patienten, aber auch Ärzte, sind alternativen Ansätzen gegenüber offen. Diese Offenheit wird ebenfalls von der Verfügbarmachung von Informationen im Internet begünstigt. Hier werden Geschichten von medizinischen Erfolgen berichtet, die vor 20 Jahren vielleicht keine Plattform bekommen hätten. Beispielsweise, dass bei Parkinson-Erkrankungen Tanztherapien gute Erfolge erzielen. Es wird vermehrt auch dem Individualismus jedes Menschen Rechnung getragen, sodass es nicht einen einzigen Weg zur Linderung des Leidens gibt, sondern ganz viele.

Der Arzt als Unternehmer

Die fachliche Ausbildung eines Arztes dauert zwischen 12 und 14 Jahren. In dieser Zeit lernt er alles über die Prozesse im menschlichen Körper und über die Abläufe im Gesundheitssystem. Will er nun aber eine eigene Praxis gründen oder übernehmen, um “näher” am Patienten und seinen Bedürfnissen zu sein, dann fehlt ihm in der Regel ganz viel Wissen in anderen Bereichen, wie beispielsweise betriebswirtschaftliches Wissen, Teamführungsqualitäten, Kommunikationsstrategien oder Marketingwissen. All dieses Wissen und diese Kompetenzen benötigt er jedoch, wenn er am Markt erfolgreich sein will, denn dieser hat sich nachhaltig verändert, wie eben schon skizziert wurde.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Mit dem digitalen Wandel verändert sich das Marktumfeld, in dem praktizierende Ärzte agieren. Mündige Patienten informieren sich im Internet über ihre Alternativen. Die Ansprüche steigen daher.

Gleichzeitig betreten neue Mitbewerber den Markt, wie zum Beispiel digitale Plattformen, die den “Arzt in der Hosentasche” anbieten. Dieses Geschäft trifft in gewisser Weise den Zeitgeist der Gesellschaft, weil in 75% der Fälle, eine physische Konsultation eines Arztes für die eigenen gesundheitlichen Anliegen gar nicht notwendig ist. Durch Corona hat sich beispielsweise der Gebrauch der Videosprechstunde durchgesetzt.

Je nach Anbieter, unterscheiden sich die Zielsetzungen dieser “digitalen Gesundheitsdienste” massiv. Während manche die ärztliche Beratung zu 100% digital abbilden möchten, sehen andere Anbieter (zum Beispiel CyberDoc) ihr eigenes Angebot als Zusatzservice, um Patienten eine sinnvolle Ergänzung zum Arzt vor Ort anzubieten.

Ausblick für praktizierende Ärzte

Starre Strukturen im Gesundheitswesen werden mehr und mehr aufgebrochen. Neue Technologien und neue Formen der Kommunikation sorgen dafür, dass Ärzte sich neu (er-)finden und positionieren müssen. Der moderne Arzt von heute stellt sich dieser Herausforderung, indem er sich als Unternehmer sieht, der nachhaltigen Mehrwert, in Form von Gesundheit für seine Kunden, bringt. Der Weg zur Gesundheitserhaltung kann dabei variieren, denn noch nie zuvor standen so viele Wege zur Verfügung, dies auch zu realisieren. Je besser es dem praktizierenden Arzt gelingt, zu diesem Ergebnis beizutragen, desto mehr Kunden wird er für sich und sein Team aus verschiedenen Disziplinen gewinnen und desto besser kann er auch wirtschaften. Ein positiver Kreislauf, der sich auf alle Beteiligten auswirkt, kann so in Gang gesetzt werden.

Autoreninfo:
Oliver Neumann ist seit 20 Jahren Unternehmer und seit 18 Jahren in der Beratung von Ärzten und Medizinern tätig.

Seine Mission ist die Sicherstellung der Patientenversorgung und die Ausrichtung auf mehr unternehmerische Skills in der ambulanten Versorgung. Digital Health und der Einsatz von digitalen Tools in der Gesundheitslandschaft spielen auch dabei eine entscheidende Rolle.

Er ist Geschäftsführer der Telemedizinplattform CyberDoc GmbH und Gründer des Projektes Businessdoc – Arzt als Unternehmer.

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